Hier trifft also der Meister der Texturen auf den Meister der Kulturen zu einem verträumten Kammerspiel, das sicher in seiner melancholischen Grundstimmung nicht nur Mexikaner zu Tränen rührt. Auch wenn die Covergestaltung der CD von Vinicius Cantuária und Bill Frisell an eine Mischung aus südamerikanischem Kindergarten und nigerianischem Friseursalon erinnert, die Musik hat eine Spannung und einen unterschwelligen Drive, den man in dieser Verpackung wohl schwerlich vermutet.
Vinicius
Cantuária & Bill Frisell - "Lagrimas Mexicanas"
Hätte man nur Cantuárias Stimme, so könnte man "Lagrimas Mexicanas" auf die Genrebezeichnung "lateinamerikanisches Liedgut" eingrenzen. Nach dem gängigen Muster arrangiert, ließen sich diese Songs ohne weiteres auf die falsche Seite des Kitsches treiben.
Bill Frisell (ohnehin sicher auch Cantuária selbst) verhindert dies, indem immer wieder unerwartetet akustische Einsprengsel auftauschen, glasklare, mäandernde Gitarrenspuren diese warme Stimme umrahmen, unterwandern, konterkarieren, beschmeicheln. Cantuária spielt selbst ebenfalls Gitarre, steuert aber auch die Percussion bei, die immer im richtigen Moment den Puls der Musik nach vorne und den des Hörers in die Höhe treibt.
Die CD ist überall dort richtig gut, wo Frisell mit seiner Gitarre oder eingespielten Loops die Songs gegen den Strich bürstet (wie beispielsweise im Titelstück). Einzig die überleitenden, kurzen Instrumentals "La Curva" und "Cafezinho" enttäuschen etwas durch Konventionalität, bieten aber dennoch Kabinettstückchen in Sachen akustischer Gitarrenarbeit. Und früher hätte man diese Platte allein wegen ihres guten Klangs schon empfohlen.
Frank Bongers
CD: Vinicius Cantuária & Bill Frisell - "Lagrimas Mexicanas" (Naive/Warner NJ621011)
Vinicius Cantuária im Internet: www.vinicius.com
Bill Frisell im Internet: www.billfrisell.com
Naive Records im Internet: www.naive.fr
Cover: John Parra